Planungen

Die Stadt plant einen Stadtteil: schräge Entscheidungen und andere Besonderheiten

Bauerwartungen 2010 für die Grube Carl

(Kommentar vom 21.05.2010)

Am Samstag den 15. Mai 2010 berichtete der Kölner Stadtanzeiger über die Fortschritte, die der Stadtteil Grube Carl die letzten Monate gemacht hat und was sich in den nächsten Monaten so bewegen wird. Auch die Frechener Stadtverwaltung steigt wieder in die Planungen ein. Die vor vielen Jahren (als Eva dem Adam den Apfel schenkte …) für die Grundschule reservierte Gemeinbedarfsfläche an der Philipp Faßbender Straße soll zu Bauland umgewidmet werden. In weiter Zukunft, (dann, wenn das mit dem Apfel in Vergessenheit geraten ist …) könnte immer noch eine Grundschule auf einem Areal am Grefrather Weg gebaut werden.

* 20100515-ksta-baufortschritt.pdf

Am 20.11.2007 erklärte die Verwaltung im Ausschuss für Stadtentwicklung, dass

„die Entwicklung eines neuen Stadtteils nur dann zügig und erfolgreich realisiert werden kann, wenn die städtebaulichen Planungen von der Öffentlichkeit mitgetragen werden.“

Für Frechener Verhältnisse handelt es sich um eine nicht einlösbare Zielvorgabe. Wir lasen mit Erstaunen, dass der Unternehmer D.Rodio 16 Reihenhäuser fast fertig gestellt hat und bis Ende 2011 weitere 28 Wohneinheiten errichten will. Und das, obwohl die CDU-Fraktionsvorsitzende S.Stupp im März 2010 via CDU-Homepage erklärt:

„derzeit gibt es kaum Bauaktivitäten und es ziehen auch keine Familien mit Kindern mehr dorthin.“

Wir lasen mit Erstaunen, dass für eine Fläche von 8.000 qm bis Ende 2010 das Baurecht geschaffen werden soll, womit eine Wohnbebauung möglich wird. Und das obwohl die CDU-Fraktionsvorsitzende S.Stupp am 27.April 2010 im Stadtrat erklärte:

„Nach vielen Jahren der intensiven Bautätigkeit ist es nach Ansicht der CDU-Fraktion an der Zeit, einmal inne zu halten und den vielen Neubürgern der letzten Jahre die Möglichkeit zu geben in Frechen anzukommen. Weiteres Wachsen um jeden Preis ist mit uns nicht zu machen!“

Und wir verstehen nicht! Der Bau einer Grundschule auf Grube Carl wurde mit der Begründung der fehlenden Weiterentwicklung und der zu geringen Einwohner- / Kinderzahl ad acta gelegt. Eine Weiterentwicklung des Stadtteils sollte laut Bürgermeister Meier erst erfolgen, wenn die Infrastruktur dafür geschaffen sei – und nun: der Stadtteil wächst und er soll nach dem Willen von Verwaltung und Bürgermeistermehrheit weiter wachsen. Nun brauchen wir nur noch eine Grundschule und schon wird die Öffentlichkeit die städtebaulichen Planungen mittragen. Es ist aber zu vermuten, dass der für den obigen Satz zuständige Mitarbeiter der Stadtverwaltung zwischenzeitlich einen neuen Arbeitgeber gefunden hat. Der Abstand zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist für einen einzelnen Menschen denn doch zu groß.

Einzelhandelskonzept

Im Juni hat der Ausschuss für Stadtplanung das städtische Einzelhandelskonzept beraten. Inhaltlich geht es um planerische Vorgaben, in welchem Rahmen und an welchen Standorten sich der Frechener Einzehandel entwickeln soll. Dabei orientiert man sich an einer hierairchischen Struktur von Versorgungszentren, d.h. einem Oberzentrum: die Frechener Innenstadt und sogenannten Unterzentren: Königsdorf und Bachem. In diesen Zentren soll der Einzehandel konzentriert werden, um einerseits Käuferströme zu bündeln und andererseits die Kaufkraft in der Stadt zu halten.

Das komplette Gutachten findet sich hier: Einzelhandelskonzept

Für unseren Stadtteil lassen sich folgende Informationen ableiten:

  1. Ein funktionsfähiges Lebensmitteleinzelhandelsgeschäft benötigt mindestens 800 qm Verkaufsfläche und einen Mindestumsatz von 3,2 Mio pro Jahr. Aufgrund vorhandener Werte kalkuliert man dabei, dass diese Werte erreicht werden, wenn innerhalb eines 700-Meter-Radius 4.500 bis 5.000 Einwohner leben.
  2. Diese Werte werden nicht erreicht. auf Grube Carl leben knapp 1.600 Menschen, in Benzelrath gut 1.100.
  3. Andererseits gilt sowohl für die Grube Carl als auch für Benzelrath, dass wir keinen Lebensmitteleinzelhandel in fußläufiger Nähe (= 700-Meter-Radius) haben.
  4. Das Gutachten empfiehlt trotzdem, die Ansiedlung großflächiger Einzelhandelsbetriebe mit nahversorgungs- und zentrumsrelevantem Sortiment nur innerhalb der definierten Zentren zuzulassen.
  5. Einzelhandelsbetriebe unter 800 qm Verkaufsfläche gelten nicht als Großbetriebe und sollen weiterhin möglich sein.

Mögliche Schlussfolgerungen:

  • unserer Stadtteil hat mittelfristig zu wenige Einwohner, als dass ein Lebensmitteleinzelhandel die Lage attraktiv finden wird.
  • Die aktuellen Flächenbedarfe im Lebensmitteleinzelhandel tendieren klar zu Flächen oberhalb der 800 qm Grenze und fallen daher unter die Beschränkungen des Einzelhandelskonzeptes.
  • Das in den Planungen vorgesehene Stadtteilzentrum, das sich um ein Lebensmitteleinzelhandelgeschäft vor dem denkmalgeschützen Gebäude der Grube Carl gruppieren sollte, wird wohl kaum realisiert werden - vor allem ist vor dem Hintergrund der Empfehlungen des Gutachtens nicht mit einer städtischen Unterstüzung zu rechnen.

Nachtrag:

Auf Antrag der SPD hat der Rat der Stadt Frechen am 13. Juli 2010 mit den Stimmen von SPD, B90/Grüne, FDP, Linke, Fraktionslose entschieden, Grube Carl zumindest den Status eines (zu entwickelnder) Nahversorgungsstandort 'Grube Carl' zuzubilligen. Damit besteht immerhin die Option, dass wir zukünftig eine Stadtteilversorgung erhalten.

13. Juli 2010 Ratssitzung: Stadtteilzentrum

Die „vergleichsweise negative Beurteilung ist erschreckend“*

(Kommentar vom 13.09.2010)

Die Stadt erarbeitet seit 2008 in ihren Gremien eine „Wohnungsmarktuntersuchung“, mit dem Ziel, auf die zukünftige Entwicklung der Stadt Frechen gestalterisch einwirken zu können. Die Grube Carl ist insoweit ein zentrales Element in dieser Untersuchung, da in unserem Stadtteil die größten Baulandreserven liegen. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden 42 FrechenerInnen (19 Mitarbeiter der Stadt, 12 Ratsmitglieder und 13 Kenner der Stadt) zu den einzelnen Stadtteilen befragt. Die Antworten wurden in Schulnoten übersetzt. Anbei ein Auszug der Auswertung.

Sortieren wir die Themen, so ergibt sich ein erster Schwerpunkt im Bereich Mobilität: Straßenanbindung, ÖPNV, Parkplätze und Verkehrsbelastung. Wie nicht anders zu erwarten, schneidet der Stadtteil bei Straßenanbindung und ÖPNV sehr schlecht ab.

Ein zweiter Schwerpunkt betrifft Kinder und Bildung: Spielplätze, Kinderbetreuung, schulische Situation. Auch hier zeigt sich, dass der Stadtteil im Bereich der Infrastruktur Bildung schwere Defizite aufweist.

Erstaunlich und m.E. einzig durch fehlende Kenntnis des Stadtteils erklärbar sind die negativen Bewertungen im Bereich Grünflächenangebot (wir haben das Landschaftschutzgebiet Ville direkt vor der Haustüre) Sauberkeit und Sicherheit.

Korrekt wiederum die schlechten Werte im Bereich Einkaufen, medizinische Versorgung, Gastronomie, kulturelles Angebot.

Im Bericht wird unser Stadtteil mit dem Stadtteil Königsdorf verglichen:

In diesem direkten Vergleich wird deutlich, dass der Stadtteil Grube Carl massive Probleme in der öffentlichen Wahrnehmung hat.

Nun stellt man sich auf Seiten der Stadt natürlich die Frage, was gegen eine solches Negativimage unternommen werden kann, insbesondere, da laut den Gutachtern „mögliche Baulanderlöse“ bedroht sind:

„Die objektiv vorhandenen Schwächen müssen in den Bereichen, in denen sofort wirksame Änderungen möglich sind, abgestellt werden. Dies dürfte insbesondere die ÖPNV-Anbindung betreffen, wo über Omnibus-Anbindungen kurzfristig Verbesserungen erzielbar sind.“ „Bezüglich der Image-Bildung erscheint eine professionelle Begleitung erforderlich. Hier müssen die Besonderheiten positiv hervorgehoben werden und die künftige Bebauung ist in den Vordergrund zu rücken. Anzuraten ist die Zusammenarbeit mit einem Spezialisten im Bereich Marketing; es gilt die Marke Grube Carl positiv zu besetzen und entsprechend zu vermarkten.“

Es ist immer wieder faszinierend, festzustellen, dass einerseits korrekte Analysen erhoben werden, die hier beispielhaft befragten 42 Personen auch die Schwächen des Stadtteils weitestgehend korrekt benennen konnten, dann aber vor der eigenen Courage zurückgeschreckt wird. Der Stadtteil braucht:

  • Die versprochene Schule
  • Eine Verbesserung der Kinderbetreuung für die unter 3-Jährigen
  • Eine bessere Anbindung an die Kernstadt durch:
  • Ausweitung des Busangebots
  • Fahrradfreundliche Wege in die Stadt und Richtung weiterführende Schulen.
  • Verbesserte Einkaufsmöglichkeiten.

Was jedoch wird empfohlen:

Der Einsatz eines Imageberaters, die Hervorhebung der Besonderheiten (die versprochene aber nicht gebaute Grundschule als Alleinstellungsmerkmal?) und die Verbesserung der Busanbindungen.

Ein bisschen wenig, oder?

Die Entscheidungsvorlage der Stadt Frechen geht dann, logischerweise weit am Ziel vorbei, müsste die Statdverwaltung ansonsten einräumen, dass der Beschluss gegen den Bau einer Grundschule auf Grube Carl mit dem hier formulierten Ziel der Aufwertung des Stadtteils nicht vereinbar ist.

Ja,ja, wer ein Beispiel für einen grundlegenden Zielkonflikt benötigt, hier hat er ihn.

„Die Qualität im Rahmen der weiteren Entwicklung von Neubaugebieten und hier insbesondere der positiven Profilierung des Stadtteils Grube Carl ist sicherzustellen. Die Verwaltung wird deshalb im Rahmen der weiteren Entwicklung des Stadtteils Grube Carl beauftragt,

  • Vergabekriterien für städtische Flächen unter besonderer Berücksichtigung städtebaulicher Belange sowie Kinder- und Familienfreundlichkeit mit dem Ziel der öffentlichen Ausschreibung zu erarbeiten,
  • Neubaugebiete / Standorte hinsichtlich ihrer Eignung zur Bebauung mit Ein- und Zwiefamilienhäusern sowie unter demografischen Gesichtspunkten mit Mehrfamilienhäusern zu prüfen.
  • Zur Imageverbesserung verschiedene Proflilierungskonzepte für Teilbereiche in Form von Alleinstellungsmerkmalen in der Region zu erarbeiten und
  • Im Rahmen der Umsetzung der Planung Gestaltungsbeiräte vorzusehen

Zur Erreichung der größtmöglichen Transparenz sollen die städtebaulich-gestalterischen Vergabekriterien vor abschließender Beschlussfassung gemeinsam mit den Bürgern erarbeitet werden (Bürgerwerkstatt).“

Wir wollen ja die Entscheidungsträger nicht allzusehr verunsichern, aber sollte die Stadt Frechen bestrebt sein, die Baulanderlöse zu retten und die Attraktivität des Stadtteils zu erhöhen, dann sollte weniger über Marketingmaßnahmen philosophiert werden. Die einfachsten Wege sind meist die besten: Ausbau der Infrastruktur für Kinder und die Interessierten kommen von ganz alleine.

Gebt uns Schule, eine ausreichende Kinderbetreuung und einen schöneren Spielplatz und wir versprechen: nie wieder Imageprobleme.


* Aus: Zusammenfassender Endbericht zum Projekt: Erstellung einer Wohnungsmarktuntersuchung für die Stadt Frechen, Frechen 2010. 2010 Wohnungsmarktuntersuchung

archiv/2010/stdt._planungen.txt · Zuletzt geändert: 2010/10/04 11:13 von schoberc
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